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Schizoaffektive Erkrankung – Wissenswertes

Allgemeines - Krankheitssymptome - Prognose - Verlaufsformen
Belastende Lebensereignisse - Suizidgefahr - Behandlung - Psychotherapie



Definition: Eine schizoaffektive Störung setzt sich aus drei Komponenten zusammen, die abwechselnd oder gleichzeitig auftreten können. Es sind dies: die Schizophrenie bzw. Psychose, die Depression und die krankhafte Hochstimmung oder Manie. Der Begriff „schizoaffektiv“ enthält zwei Wortteile: „schizo“ weist auf die schizophrene Komponente des Krankheitsbildes hin und „affektiv“ auf die Gemütsstörungen wie Depression und Manie.

Allgemeines: Jeder zehnte bis fünfte Patient, der an einer der drei Komponenten erkrankt ist, leidet später an einer schizoaffektiven Störung. Frauen sind eher betroffen als Männer, möglicherweise sogar doppelt so oft. Auch Kinder kann es treffen, allerdings weit weniger häufig. Am häufigsten ist die schizoaffektive Störung im mittleren Lebensalter anzutreffen.

Hintergründe der Erkrankung: Aus biologischer Sicht ist nach wie vor die Genetik, also die Vererbbarkeit der schizoaffektiven Störung oder einer der drei Komponenten, ein Entstehungsfaktor dieser Krankheit. Hinzu kommen aber psychische und gesellschaftliche Faktoren wie Stress, Trauer und Verlusterfahrungen, Reaktionen der Umgebung sowie Schwierigkeiten in der Partnerschaft, Familie, im Kreis der Kollegen etc.

Therapierbarkeit: Schizoaffektive Störungen sind inzwischen gut behandelbar, wenn sie rechtzeitig erkannt werden. Die heutige medikamentöse Therapie weist weit weniger Nebenwirkungen auf als frühere Medikamentengaben.

Krankheitssymptome:
  • Depression: Ohne Freude, Interesse, Initiative und Antrieb, niedergeschlagen; Angst zu versagen, nicht zu genügen, unfähig zu sein; fehlende innere Beteiligung an Beschäftigungen, Verlust des Ich-Gefühls; Konzentrationsschwierigkeiten, Grübeln, Angst, innere Unruhe und Angespanntsein; Gefühl der eigenen Fremdheit oder des Neben-Sich-Stehens; Entscheidungsunfähigkeit; Schlafstörungen (darunter auch stark vermehrtes Schlafbedürfnis), Appetitverlust; letztendlich Leistungseinbruch, Rückzug bis hin zur Isolation (Nichts-Hören- und Sehen-Wollen)

  • Manie: Hyperaktivität v.a. im gesellschaftlichen Leben, auch beruflich, evtl. auch sexuell; gesteigerter Redebedarf und unbändiges Selbstbewusstsein; kaum Schlafbedürfnis bis hin zu ständiger Wachheit, Ablenkbarkeit; gesteigerte Aktivität bei Kaufverhalten, sexuell und im Straßenverkehr; absolute Entscheidungssicherheit, auch und vor allem bei nicht nachvollziehbaren oder irrationalen Entscheidungen; unbezähmbare Spontaneität und Tatkraft

  • Schizophrenie / Psychose: Wahn (Verfolgungs-, Größen-, nihilistischer Wahn = „ich bin nichts oder gar nicht vorhanden“ u.a.), manipulierte Gedanken (fremdbestimmt etc.), vermeintlich durch eigene Gedanken manipulierte Umwelt -> gefühlte direkte telepathische Einwirkung auf Personen oder Vorgänge, Halluzinationen (v.a. akustische -> „Stimmenhören“ oder Lesbarkeit der eigenen Gedanken), Zerfahrenheit (unlogisches Denken, sprachliche und emotionale Verarmung), Sendungsbewusstsein (als „Retter der Welt“, „Messias“ etc.), Gefühl einer sich vorbereitenden Apokalypse, eines sich zuspitzenden Kampfes zwischen Gut und Böse mit eigener Rolle an der Spitze des Guten -> daher auch existentielle Angst bis hin zur Todesangst; Unerklärlichkeit des Verhaltens, mitunter uneingeschränkte Direktheit und Aggressivität bei sonst unauffälligem oder angepasstem Verhalten.
Beginn einer schizoaffektiven Störung: Die schizoaffektive Erkrankung beginnt nicht plötzlich, also von einem Tag auf den nächsten. Sie schleicht sich innerhalb weniger Wochen bis hin zu sechs Monaten und mehr ein.

Vorwarnsymptome:
  • müde, matt, rasch erschöpfbar
  • schlecht gelaunt, reizbar bis hin zu aggressiv
  • Stimmung schwankt
  • Phobien
  • Merk- und Konzentrationsschwächen
  • verringerte Leistungsfähigkeit
  • innerlich unruhig, nervös
  • gestörter Schlaf
  • ohne Ursache auftretende Schmerzen, auch wandernd
  • Änderungen in Verhalten und Gewohnheit
  • Misstrauen, schließlich Rückzug
  • Gesteigerte Empfindlichkeit bei Geräuschen und Licht
  • Hypochondrie
  • Appetitverlust, Würgereiz
Prognose: insgesamt relativ günstig, bei über 50% der Betroffenen keine bleibenden Beeinträchtigungen: Krankenhausaufenthalte sind meistens zeitlich begrenzt zwischen einigen Wochen oder auch Monaten, dabei aber nicht dauerhaft vonnöten, außer in Fällen mit überwiegender Schizophrenie. Zu 80% bleiben Betroffene selbständig, brauchen also keine Betreuung. Beruflich und bezüglich der Beziehungsfähigkeit (auch der Weiterführung von Ehe und Partnerschaft) gibt es bei über der Hälfte der Erkrankten keine Beeinträchtigungen, allerdings muss in 25% der Fälle der Beruf vorzeitig aufgegeben werden. Auch eine dauerhafte Erwerbsunfähigkeit mit Berentung kann eintreten. Ehe oder Partnerschaft dagegen werden nur bei 15% der Betroffenen aufgelöst.

Verlaufsformen:  (Klassifikation nach  ICD-10)
  • F25.0 - Schizoaffektive Störung, gegenwärtig manisch
  • F25.1 - Schizoaffektive Störung, gegenwärtig depressiv
  • F25.2 - Gemischte schizoaffektive Störung
Die Erkrankung verläuft in der Regel phasenhaft. Einer manischen oder hypomanischen Phase folgt mit ziemlicher Sicherheit der Absturz in die Depression. Der Wechsel - der sogenannte switch - kann sogar von einem Tag auf den anderen oder innerhalb weniger Stunden erfolgen, was für die Betroffenen sehr belastend ist. Wechseln sich die Stimmungen monatlich oder gar wöchentlich ab, spricht man von Rapid Cycling - bei Tagen, was auch vorkommt, von Ultra Rapid Cycling. Die wahnhaften Anteile können sowohl bei der manischen Phase (Größenwahn) als auch bei der depressiven mehr oder weniger stark ausgeprägt sein (Schuld- und Versündigungswahn). Schließlich kann der oder die Betroffene so psychotisch werden (mit Todesangst und Verfolgungswahn), dass eine Abgrenzung zur Schizophrenie schwerfällt. Allein die geringere Chronifizierung des Leidens (keine Minussymptome) spricht für eine schizoaffektive Psychose.

Rückfallhäufigkeit: Bei einer schizoaffektiven Störung ist es äußerst selten, dass es bei einer Krankheitsepisode bleibt. Oft begleitet den Betroffenen die Krankheit ein Leben lang, erst im höheren Alter (ab 70 Jahren) stellt sich eine dauerhafte Besserung ein. Allerdings ist heutzutage durch die verbesserten Behandlungsmöglichkeiten und bei rechtzeitiger Therapie eine hohe Lebensqualität relativ leicht zu erreichen. Doch durch ein Auftreten von belastenden Lebensereignissen ist ein Rückfall sehr wahrscheinlich. Wichtig ist in solchen Situationen wie auch in Fällen von stärkerer Belastung die Anpassung der Medikation (entweder durch eine Dosiserhöhung eines regulär einzunehmenden Medikamentes oder durch eine zusätzliche Einnahme eines Tranquilizers z.B.) in Absprache mit dem Nervenarzt oder Psychiater oder bei fortgeschrittener Medikamentenerfahrung durch eigene Initiative.  

Belastende Lebensereignisse oder psychische Determinanten (die zur Ersterkrankung oder zu Rückfällen führen können)
  • Verlust oder Wechsel der Arbeitsstelle sowie Berentung
  • Stress, Druck durch die Arbeit, Mobbing durch Chef oder Kollegen
  • Gerichtsverfahren
  • Heirat oder Geburt eines Kindes sowie Schwangerschaft
  • Erkrankung (eigene oder von nahen Verwandten und Freunden) oder Operation
  • Finanzprobleme
  • Trauer
  • Trennung oder Scheidung
  • Fernreisen oder Umzug
  • Prüfungen
  • Heftige Verliebtheit, oftmals einseitig
  • Übermäßige Angepasstheit, nicht Nein-Sagen-Können
  • Unterschiedliche Erziehungsstile der Eltern
  • Hohe Ansprüche an sich selbst, Perfektionismus
  • Tendenz  zum „Strebertum“
  • Vormachtstellung des „Über-Ichs“ (der eigenen übergeordneten psychischen Kontrollinstanz)
  • Gefühl des Nicht-Genügens oder der Minderwertigkeit
  • Einzelgängertum, keine oder nur wenige Freunde
  • Oft überdurchschnittlich intelligent bzw. sensibel
  • Gefühlstiefe, die sich auch religiös oder spirituell äußern kann, aber auch leicht zur Belastung werden kann
Aber diese belastenden Lebensereignisse sollten nicht überbewertet werden, denn nicht in jedem Fall sind sie Auslöser der Krankheit. Treten diese Belastungen allerdings gehäuft auf, werden auch die Rückfälle häufiger und die gesunden Zwischenperioden kürzer. Bei depressiven oder manischen Zuständen spielen sie eine vielfach größere Rolle als bei rein schizophrenen Zuständen. Die psychischen Faktoren sind oft vorherbestimmend für die schizoaffektive Erkrankung.
 
Suizidgefahr: In fast 75% aller Fälle wird von Selbsttötungsgedanken, -plänen oder gar –versuchen berichtet. V.a. bei langjährig Erkrankten ist das Suizidrisiko hoch und bei solchen, die gleichzeitig unter schizophrenen/psychotischen und schwer depressiven Symptomen leiden. Frauen und Patienten mit akutem belastenden Lebensereignis (oder gar mehreren) sind besonders gefährdet. Bei drohender Suizidgefahr ist eine Aufnahme in ein psychiatrisches Krankenhaus die sicherste Lösung. Bei schizoaffektiven Störungen von Frauen nach der Geburt eines Kindes ist eine sofortige Behandlung durch Frauenarzt und Psychiater vonnöten, da sonst nicht nur ein üblicher Suizid, sondern ein um das Leben des Kindes erweiterter Suizid drohen kann.

Therapie bei schizoaffektiven Störungen

(1) bei einer Manie:
  • Leichte Formen können mit Hilfe von Nervenarzt / Psychiater und Internist oder Allgemeinarzt ambulant behandelt werden, also ohne dass der Erkrankte in ein Krankenhaus muss. Bei mittelschweren Formen muss diese Entscheidung (ambulant oder stationär) von den Ärzten genau abgewogen werden während bei schweren Krankheitsverläufen unbedingt ein Krankenhausaufenthalt nötig ist. Dieser muss notwendig in einer psychiatrischen Fachklinik erfolgen auch wenn der Patient dafür nicht zu gewinnen ist. Eine Behandlung der Manie ist schon allein deswegen ratsam, weil der Erkrankte dadurch sonst oft seine Arbeitsstelle, Partnerschaft, gute Nachbarschaft, Wohnung sowie seine finanzielle Existenz riskiert ohne sich dessen bewusst zu sein.

  • Medikamentöse Therapie: Oft wird eine Kombination aus Lithium und Neuroleptika bevorzugt, wobei die Neuroleptika in der Regel geringer dosiert werden als bei einer Psychose. Lithium ist ein so genanntes „Phasenprophylaktikum“, also ein Mittel der Vorbeugung gegen manische und depressive Phasen. Lithium ist als Phasenprophylaxe das Mittel der ersten Wahl, kann aber bei einer langjährigen Einnahme auch die Nieren angreifen. Besteht nachweislich eine Beeinträchtigung der Nierenfunktion (meist nach vielen Jahren der Lithiumeinnahme), was v.a. durch den Kreatininwert im Blut zu erkennen ist, muss das Lithium abgesetzt werden. Letzte Sicherheit in dieser Frage schafft der Internist oder (noch besser) der Nephrologe durch weitere Untersuchungen. Bei einer Weiterbehandlung durch Lithium bei beschädigten Nieren droht eine Dialysebehandlung. Als Lithium-Ersatz stehen auch ein paar andere Phasenprophylaktika bereit, wie die Valproinsäure (Valproat), das Carbamazepin sowie neuerdings das Lamictal (Lamotrigin). Heute wird teilweise auch eines dieser drei Phasenprophylaktika an erster Stelle statt des Lithiums eingesetzt. In schwierigen Fällen kann auch eine Kombination der einzelnen Phasenprophylaktika sinnvoll sein. In der Regel dauert es aber mindestens drei bis sechs Monate, bis diese Art der Medikamente greift. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die medikamentöse Therapie konsequent durchgeführt wird und die Medikamente nicht einfach aus eigener Initiative abgesetzt oder rasch ausgeschlichen werden. In diesem Falle nämlich ist ein Rückfall vorprogrammiert. Das gilt auch für die Neuroleptika, die nicht diese Wirkungsverzögerung aufweisen und deshalb für die Akutbehandlung unersetzlich sind. Ebenfalls können bei starker Erregung der Patienten Benzodiazepine (Tranquilizer wie z.B. Tavor) gegeben werden, die beruhigend und angstlösend  wirken.
(2) bei einer Psychose:
  • Beim Auftreten psychotischer Symptome ist schnelles Handeln erforderlich. Der Erkrankte muss unbedingt rasch psychiatrisch behandelt werden, da neben einer potentiellen Eigen- und Fremdgefährdung auch folgenschwere Konsequenzen in Partnerschaft, Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft und am Arbeitsplatz drohen. Diese Krankheitsfolgen treten meist sehr schnell ein und werden dadurch begünstigt, dass die Kontaktpersonen des Kranken nichts über den krankheitsbedingten Hintergrund des Verhaltens wissen. Auch auf Grund der sich schnell hochschaukelnden Eigendynamik psychotischen Denkens und Handelns ist ein schnelles psychiatrisches Eingreifen dringend notwendig. Den Erkrankten kann so eine Steigerung ihrer Ängste, Halluzinationen und ihres irrationalen Denkens bis ins Unvorstellbare erspart werden, auch das dadurch resultierende evtl. Getriebenwerden in eine Selbst- oder Fremdgefährdung. Wird der Betroffene schnell einer psychiatrischen Behandlung zugeführt, wird rasch eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik erfolgen. Diese stellt nicht nur einen Sicherheitsfaktor (Eigen- und Fremdgefährdung) dar sondern auch den Schutz vor tief greifenden Konsequenzen, wie sinnlosen Einkäufen, Arbeitsplatzgefährdung, Verlust von Partner und/oder Freunden, evtl. sogar Wohnungsverlust.

  • Medikamentöse Therapie: An Medikamenten stehen zur Behandlung so genannte Neuroleptika ganz oben auf der Liste. Unter ihnen gibt es hochpotente Neuroleptika, die antipsychotisch wirken wie auch mittel- oder niederpotente Neuroleptika, die eher dämpfen. Sind die Patienten schwer erregt, muss evtl. auf eine Injektion dieser Medikamente zurückgegriffen werden. Auch die Anwendung beruhigender und angstlösender Benzodiazepin-Tranqulizern (meist Tavor) ist in akut psychotischen Phasen üblich.
(3) bei einer Depression:
  • Tritt im Rahmen einer schizoaffektiven Erkrankung eine Depression auf, muss eine relativ hohe Suizidgefahr beachtet werden, v.a. bei großem Leidensdruck. Bei bestehender Suizidgefahr ist es ratsamer und risikoloser, wenn der Erkrankte in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird, wo in der Regel mehr zum Schutze des Patienten getan werden kann als zu Hause. Wichtig im Umgang mit schizoaffektiv Depressiven ist aber auf jeden Fall auch das Ernstnehmen der krankheitsbedingten Beeinträchtigungen, wie der Antriebslosigkeit, der Entscheidungsunfähigkeit oder des Fehlen eigener Initiative. Der oft übliche Spruch „Reiß Dich zusammen!“ oder „Es wird schon gehen!“ ist da nicht hilfreich, da er noch zusätzlich für Schuld- und Unfähigkeitsgefühle sorgt, die dem Depressiven sowieso schon zu schaffen machen.

  • Medikamentöse Therapie: Meist erhält der schizoaffektiv Depressive eine Kombination von Neuroleptika und Antidepressiva. Möglich ist aber auch eines von beiden oder auch eine zusätzliche Gabe von Phasenprophylaktika (s. „(1) bei einer Manie“) oder auch Tranquilizern (wie Tavor). Letztere werden v.a. dann eingesetzt, wenn ausgeprägte Ängste und Verzweiflung, oft auch verbunden mit innerer Unruhe, den Erkrankten quälen. Allerdings muss wegen der abhängig machenden Nebenwirkung dieser Medikamente darauf geachtet werden, dass sie über keinen langen Zeitraum hinweg gegeben und langsam unter ärztlicher Aufsicht ausgeschlichen werden. Phasenprophylaktika werden als langfristiger Rückfallschutz eingesetzt, nicht aber zur Behandlung der akuten Depression. Dazu dienen die Neuroleptika und/oder Antidepressiva wie auch situationsbedingt die Tranquilizer.
Nicht-medikamentöse Therapien

Im Rahmen der Behandlung schizoaffektiver Störungen können nicht-medikamentöse Therapien nur  Zusatztherapien sein, denn die Basistherapie ist und bleibt die medikamentöse Therapie, auch bei leichten Erkrankungsformen.
  • Psychotherapie: Die Psychotherapie wird v.a. nach einer akuten Erkrankung eingesetzt. Der Grund dafür ist, dass während einer akuten Krankheitsphase der psychische Zugang zum Erkrankten oft nicht möglich ist – oder – bei vorwiegend depressiven Phasen die verabredeten Stunden bei einer Verschlimmerung der Krankheit unter Umständen nicht eingehalten werden können. Zum Teil ist es auch bei einer schweren Depression für den Erkrankten gar nicht möglich, sich innerlich zu öffnen, sodass er über sich selbst reden kann. Auch bei notwendigen stationären Aufenthalten kann die Fortsetzung einer Psychotherapie außerhalb des Krankenhauses natürlich nicht erfolgen.

    Sinnvoll ist vor allem eine Verhaltens- oder kognitive Therapie, die dem Patienten psychische Belastungssituationen aufzeigt, die auf Grund eines neu zu erlernenden Verhaltens vermieden werden können. Dafür muss der Patient mit dem Therapeuten zusammen herausfinden, was ihm gut tut und diese Erkenntnisse versuchen in die Tat umzusetzen. Die Psychotherapie soll auch für Rückfallsymptome sensibilisieren, sodass, wenn diese auftreten, gegengehalten und entsprechend darauf reagiert werden kann. So kann eine erneute Krankheitsphase aus eigener Kraft und Initiative (gestärkt durch die therapeutische Unterstützung) vermieden oder abgeschwächt werden. Auch belastende Ereignisse können in einer Psychotherapie thematisiert und im positiven Falle gemildert oder abgefangen werden. Außerdem können Gefühle der Minderwertigkeit oder Unfähigkeit, die einer Depression oft zu Grunde liegen, teilweise aber auch in der Psyche verankert sind, aufgedeckt und angegangen werden.

    Eine Psychoanalyse oder tiefenpsychologische Psychotherapie birgt für den schizoaffektiv Erkrankten das Risiko einer Neuerkrankung und sollte von daher mit Hilfe des Nervenarztes/Psychiaters sehr sorgfältig abgewogen oder von vorneherein vermieden werden.

  • Schlafentzug: Es gibt zwar alternativ den Schlafentzug, doch wird er bei schizoaffektiven Depressionen kaum eingesetzt – v.a. wegen der Gefahr einer dadurch auftretenden Manie oder Psychose.

  • Die Licht- oder Phototherapie ist bei angewandter medikamentöser Therapie zusätzlich sinnvoll bei depressiven Phasen, die immer in der dunklen Jahreszeit wiederkehren. Allgemein muss gesagt werden, dass häufiges Spazierengehen, vor allem bei Sonnenschein, bei Depressionen ratsam ist.

  • Soziotherapeutische Hilfsmaßnahmen: Darunter versteht man unter anderem die Ergotherapie (=Arbeitstraining und Belastungserprobung) z.B. in so genannten „Tagesstätten für psychische Gesundheit“. Ist der Erkrankte erwerbsfähig, zählt eine langsam gestufte Wiedereingliederung in die Arbeitswelt genauso dazu wie Weiterbildungs- oder Umschulungsmaßnahmen.

  • EKT oder Elektrokrampftherapie (auch: Elektrokonvulsionstherapie), bekannt auch als Elektroschockbehandlung. Diese Therapie ist v.a. bei therapieresistenten oder chronischen schizoaffektiven Erkrankungen sinnvoll. In der Regel wirken heutzutage die Antidepressiva ebenso wie die Neuroleptika so gut, dass eine solche EKT überflüssig ist. Greifen aber sämtliche Medikamente nicht oder nicht in der gewünschten Weise, kann eine EKT notwendig werden. Diese Therapie ist aus heutiger Sicht sehr viel ärmer an Nebenwirkungen als zu früheren Zeiten. Sie wird nur noch unter Vollnarkose durchgeführt. Auch ein muskelentspannendes Mittel verhilft zu einer nebenwirkungsärmeren Therapie. Die EKT besteht aus sechs bis zwölf Anwendungen und wird in einer Woche zwei- bis dreimal durchgeführt. Bei 60% der therapieresistenten Patienten zeigt die EKT den gewünschten Erfolg.

    Allerdings wird diese Form der Therapie nicht in jeder psychiatrischen Klinik angeboten. Bei Interesse ist es am besten, mit dem Psychiater Rücksprache zu halten, der die behandelnden Kliniken in der Regel kennt, oder die psychiatrischen Fachkrankenhäuser selbst zu kontaktieren und nachzufragen. Eine Einweisung muss über den eigenen Nervenarzt/Psychiater erfolgen, kann sich aber über einen längeren Zeitraum hinziehen, da Wartelisten in den betreffenden Kliniken nicht selten sind. Hier ist Geduld und unbeirrbarer Einsatz (auch des behandelnden Psychiaters) erforderlich.

  • Für Erkrankte: Selbsthilfegruppen: In vielen größeren Städten gibt es Selbsthilfegruppen, meist allerdings nicht für schizoaffektiv Erkrankte, sondern für Depressive, so genannte „Bipolare“ (=Manisch-Depressive) oder einfach für psychisch Kranke. Der regelmäßige Austausch mit anderen Betroffenen gibt dem Erkrankten die Möglichkeit einer Selbsteinschätzung durch Vergleich mit den anderen, Rückhalt durch die Gruppe und das evtl. gemeinsame Erarbeiten von Tipps und Anregungen für das Verhalten bei Rückfallsymptomen. Auch im Internet finden sich viele Selbsthilfeforen oder hilfreiche Seiten.

  • Angehörigengruppen: Diese sind vor allem empfehlenswert bei Psychosepatienten, deren Erkrankung die Angehörigen eigentlich immer überfordert und ratlos macht. Aber auch bei Manikern und Depressiven ist der Bedarf an Austausch zwischen betroffenen Angehörigen sehr groß und auch sehr zu empfehlen, da der richtige Umgang mit den Erkrankten sehr schwierig einzuschätzen, dabei aber äußerst wichtig ist.


Coverbild Der vorliegende Text wurde diesem Buch entnommen:

Diagnose: schizoaffektiv
ein Erfahrungsbericht von Margit Rohan







108 Seiten
ISBN 978-3-839-15122-8

erhältlich im Buchhandel und in allen Online-Shops




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Letzte Aktualisierung: 30. März 2012